Konsequent privatisiert:
Verhältnisse wie auf dem Mars (1999)
Ich verstehe ja wirklich nicht, wieso in 2009 eine Raumfähre auf den Mars fahren soll und Bodenproben analysieren soll, wo doch mittlerweile das soziale und kulturelle Leben der Marsianer hinreichend erforscht ist. Ihre Kultur ist unserer auf erschreckender Weise ähnlich und nur um wenige Jahre voraus. Da bin ich doch kürzlich im Universum-Wild-Web auf die Home-Page vom Mars gegangen (www.mars.mrs) und bin mitten in der ultimativen Privatisierungsdebatte gelandet. Von 230 Ländern waren schon 197 privatisiert, Staatenbünde hatte sich als Holdings organisiert, erste strategische Übernahmen fanden statt. Interessiert klickte ich mich in den Policy-Chat for Newcomer.
Meine Fragen beantwortete mit eine sympatischer Internet-Hostesse, die einer Nachrichtensprecherin glich. Nachdem die meisten Staaten überschuldet waren, blieb ihnen nur noch der Gang an die Börse, irgendwo musste das Geld ja her kommen. Als ich kritisch anmerkte, dass man politische Probleme doch nicht so einfach als finanzielle betrachten könne, wandelte sich das Video-Fenster, in dem ich meine Chat-Partnerin sehen konnte und eine sehr hübsche, entspannte Marsianerin antwortete: "Der Staat führt schließlich typische Dienstleistungsaufgaben aus: Bildung, Verkehr, Verwaltung der Finanzen der Bewohner." Und dass man irgendwo Leben muss, das sei kein schlüssiges Argument für die Verstaatlichung von ganzen Nationen, schließlich können sich Erdlinge beim Essen ja auch nicht an nestligen Firmen vorbeikelloggsen und finden das nicht weiter bedenklich. Ich fand dieses hübsche Marsianerinnen Gesicht einfach sehr schlüssig.
Es gab' noch einen anderen Grund für die Privatisierung: Der Aktienmarkt musste ausgeweitet werden, da sich die Möglichkeit durch Arbeit Geld zu verdienen nun ganz erledigt hatte und Arbeiten auch gesellschaftlich verpönt war, weil es etwas mit dritter Mars zu tun hatte. Die einzige Art noch an Geld zu kommen war das Spekulieren an den Börsen. Sozialhilfe-Empfängern wurde Kapital zum Spekulieren zur Verfügung gestellt. Man nannte das Hermes-Kredite, weil an der Börse nicht nur die Kurse, sondern auch das Geld schnell Flügel bekommen. Die Marsianer waren Börsianer.
"Wie läuft's denn dann so mit der Politik bei euch?" wollte ich - gefangen in meiner Naivität - wissen. "Anfangs gab's da Implementierungsprobleme wegen privaten Interessen, aber das sei alles gelöst." antwortete sie locker. "Sobald sich jemand in der Politik auskennt, unterliegt er sowieso der Insiderregelung und darf selber nicht mehr Handeln. Solche Gurus leben davon, dass sie ihre allerletzten Gedanken stets real-time ins Netz stellen; aktuellere Informationen kann man wohl nicht haben. Auch die an der Gesetzgebung Beteiligten müssen sich raushalten. Sie leben im Bereich anderer Aktiengesellschaften, haben deshalb keine eigenen Interessen und sind also unbestechlich. Ihre Gesetze verfassen sie nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten; zur Kosteneinsparung gibt es beispielsweise statt Gefängnissen Kooperationen mit Gegenden in denen der Aufenthalt einfach nicht so angenehm ist.
"Wir haben Platos politischen Idee des uneigennützigen Herrschenden weitgehendst realisiert" erläuterte sie stolz. Je schwieriger ihre Argumentation wurde, desto schöner fand ich meine Internet-Hostesse - sie sah nun schon fast Lara Croft ähnlich - und jetzt kam sie mir auch noch mit Plato. "Kriege haben wir schon lange nicht mehr gehabt, denn sobald ein Land in eine Krise gerät, sinken die Aktien und in eine solche Situation würde eine Gesellschaft sowieso keinen Kredit mehr bekommen. Und schließlich hätten die Eigentümer seit der Demokratisierung des Wahlrechtes nun je eine Stimme unabhängig vom Kapitalanteil." Diesmal enttäuschte mich das sonst ach so konsequente Modell - Verstaatlichung durch die Hintertüre. Das musste meine Hostesse mir angesehen haben, ihre Haare wurden blonder, ihr Busen schwillte an, dann verwandelte sie sich in reines Licht.
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