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Angelika Krebs: Liebe und Arbeit

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Angelika Krebs: Liebe und Arbeit

Die philosophischen Grundlagen sozialer Gerechtigkeit. Von Angelika Krebs, Frankfurt / Main, 2002: Suhrkamp, 324 Seiten


Einführung in die Themenstellung

Die Frage nach der Bewertung von Familienarbeit ist ein zentrales und umstrittenes Thema der feministischen Diskussion und der Gender-Forschung. Angelika Krebs, Professorin für Philosophie an der Universität Basel, beginnt ihre Antwort auf diese Frage mit einer Klärung des Arbeitsbegriffes. Dann zeigt sie auf, wieso Familienarbeit gesellschaftlich anerkannt und entlohnt werden soll und diskutiert Alternativen für die Herstellung von Gerechtigkeit: das Recht auf Arbeit und das Grundeinkommen für Familienarbeit. Anschließend behandelt sie die häufig gestellte Frage, ob die Bezahlung von Familienarbeit die Liebe "pervertiert".

Das Buch verbindet also interdisziplinär eine genderspezifische Fragestellung mit der Diskussion um Gerechtigkeit, Sozialpolitik und der philosophischen Ergründung nach dem Wesen der Liebe und der Arbeit.


Aufbau und Inhalt

"Wer Schweine erzieht ist ein produktives, wer Menschen erzieht ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft." Mit diesem Zitat beginnt Krebs ihre Untersuchung zur Stellung und Bedeutung der Haus- und Familienarbeit und unterbreitet dann die Fakten: Frauen verwenden nur eine Drittel ihrer Arbeitszeit auf bezahlte Arbeit, Männer drei Viertel ihrer Arbeitszeit. Sie leitet daraus die Frage ab, ob und welche Anerkennung solcher Arbeit gebührt.

Dazu werden zuerst die gängigen Arbeitsbegriffe durchleuchtet (Arbeit als bezahlte Tätigkeit, als mühevolle Tätigkeit...) und Unterteilungen verschiedener Arten von Tätigkeiten vorgenommen (Erwerbsarbeit, Partnerarbeit, Familienarbeit) um dann zu einem institutionellen Verständnis von Arbeit zu kommen: Arbeit ist eine Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Leistungsaustausches - und gehört als solche entlohnt, auch wenn es sich um Familienarbeit handelt.

Wird die Entlohnung als Forderung an den Staat gestellt, ergibt sich noch das Problem der (Um-)Verteilungsgerechtigkeit. Gewöhnlich werden solche Fragen, spätestens seit Rawls "Theorie der Gerechtigkeit" mit egalitaristischen Argumenten beantwortet und es wird auf eine Gleichheit der Chancen, der Möglichkeiten, der Belastungen oder der Ausstattung mit Grundgütern abgezielt. Krebs zieht aber humanistische Argumente heran: Nicht Gleichheit ist das Ziel der Gerechtigkeit, sondern ein würdiges Leben für alle. Ähnliche Ansätze in Avishai Margalits "Politik der Würde" und Michael Walzers "Sphären der Gerechtigkeit" lotet sie in allen Feinheiten auf ihre Brauchbarkeit hin aus.

Diese Würde verlangt - zumindest in einer Gesellschaft, in der Anerkennung durch sie und Teilhabe an ihr hauptsächlich durch bezahlte Arbeit erworben wird - ein Recht auf Integration durch bezahlte Arbeit. Diese könnte durch ein allgemeines Grundeinkommen (für Familienarbeit) gewährt werden. Anders als Philippe van Parijs Forderung "surfers should be fed" (Arbeitslose sollen eine Prämie dafür erhalten, dass sie auf einen raren Arbeitsplatz verzichten) fordert sie "mothers should be fed" (S.230). Dem Abschnitt "Gerechtigkeit", der das Herz des Textes darstellt, wurden 90 Seiten gewidmet, der Diskussion um Arbeit und Bezahlung weitere 40 Seiten.

Schlussendlich verteidigt sie noch ihre Konstruktion gegen ein landläufiges Standardargument: Bezahlte Familienarbeit könnte eine "Pervertierung der Liebe" (S. 240) darstellen, weil - so wird häufig argumentiert - das ökonomischen Denken nicht in die Privatsphäre eindringen dürfe und Familienarbeit Ausdruck reiner hingabebereiter Liebe zu sein hat. Liebe besteht aber nach Krebs nicht nur aus dem Willen zur opferbereiten Hingabe, sondern auch in geteiltem Empfinden und Tun. Und das altruistischen Füreinander darf, "wenn es um den Abwasch geht" (S. 19), dem eigeninteressierten Tausch weichen.


Zielgruppe

Der Text argumentiert auf hohem Niveau und sehr analytisch und verlangt so ein über die politische Bedeutung hinausgehendes philosophisches Interesse. Die Werke, auf die Bezug genommen wird, werden immer kurz zusammengefasst, so dass spezielle Vorkenntnisse nicht benötigt werden.


Fazit

Das sehr systematisch aufgebaute Buch argumentiert nicht nur schlüssig, sondern handelt immer auch alle geläufigen Gegenargumente ab, es wird dadurch aber auch etwas unübersichtlich. Die Argumentationen für die Anerkennung, Aufwertung und Bezahlung der gewöhnlich von Frauen geleisteten Familienarbeit erweist sich als anschlussfähig an die Erkenntnisse der feministischen Ökonomie, der Geschlechterpolitik und anderer geschlechtsspezifischer Forschungsrichtungen, beispielsweise was die Zeitverwendung von Frauen, die Benachteiligungen von Frauen durch das male-breadwinner-System oder die Funktionen des Wohlfahrtsstaates betrifft.

Nur peripher fordert sie eine Gleichstellung im Sinne einer geschlechtergerechten Verteilung der Familienarbeit, also ein "parents should be fed" oder ein "families should be fed". Bezahlung der Familienarbeit kann schließlich auch zu einer Zementierung der Frau-Zuhaus-Struktur führen. Überhaupt argumentiert die Autorin sehr individualistisch, auch finden sich keine Ideen zur konkreten Um- und Durchsetzung der aufgestellten Forderungen. Wo sollen Politik, Gesellschaft und BürgerInnen was anders machen und wie fordert wer mit wem das am besten ein? Wie können Frauen ihre Gerechtigkeitsvorstellungen durchsetzen? Alleine oder zusammen? Vor diesen konkreten Fragen sollte sich die Philosophie nicht drücken.

Die Rezension ist zuerst erschienen unter: www.sozialnet.de

Alban Knecht
Im Januar 2003



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